Norbert Sternmut’s Wildwechselzeit: Tagebuch einer Beziehung

wildwechselPromiskuität als Therapiegrund und der Wahn (oder der Wunsch?), dass die Wirklichkeit nicht real ist.

Norbert Sternmut legt seinen neuen Roman in Tagebuchform (TaBu) vor und arbeitet seinen Frühling und Sommer auf, um ein neues Denken, eine neue Philosophie für den (Lebens-) Herbst zu finden.
Herbstzeit ist Wildwechselzeit.

Es ist immer ein wenig schwierig, den Roman eines Autors zu lesen, den man kennt (ein wenig), da der autobiografische Anteil bisweilen schockieren kann und man vielleicht Dinge erfährt, die einem den Menschen in einem anderen Licht zeigen (aber gehen wir Autoren nicht mit jedem unserer Werke dieses Risiko ein?)

Norbert Sternmuts Roman hat mir gut getan, bisweilen etwas schmerzhaft, einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Innerliche Zerrissenheit, das Schwanken zwischen Moral, Liebe, Treue, Leidenschaft und Begierde (Triebe?)‘ und immer wieder die Moral, dieser erhobene Zeigefinger.

Was ich las, war in erster Linie Weltschmerz. Anfänglich der Weltschmerz eines Kindes, das als unheilschwanger ausgeschiedenes Eingeweide das Licht dieser Welt erblickte: ungewollt, ungeliebt und gedemütigt durch die physischen und psychischen Tritte und Schläge der Mutter, die es sich stets hässlich fühlen ließ, innen wie außen. Dieses Gefühl des Nicht-Angenommen-Seins, in einer Welt zu existieren, in der es nicht lebte, ja nicht mal verwaltet, sondern hineingepresst wurde, um zu überleben.
Sternmut sucht Ordnung, eine innere Ordnung, wo sie äußerlich sowieso nicht existiert, versucht diese Ordnung durch Schreiben (seine Therapie? seine Eva G.?) herzustellen. Dieser Gedanke ist mir beim Lesen oft gekommen. Ein schriftlicher Monolog einer imaginären Therapie, einer imaginären Therapeutin (Eva G.) zum Zwecke der Selbsttherapie. Ob die Therapie nun real oder fiktiv ist, sei in diesem Zusammenhang irrelevant. Sternmut legt mit Wildwechselzeit einen Roman vor, der persönlicher und intimer nicht sein kann, zeitweiser Pikiertheit seitens des Leser nicht ausgeschlossen. WWZ erscheint mir wie ein Umbruch und Abschluss in Sternmuts Leben. Wobei in vorhergehenden Romanen wie Marlies und Norman der Abstand zum Inneren durch die dritte Form gewahrt wurde, schreibt Sternmut nun in der Ich-Form und bricht damit Wände weg, die Inhalt und eigene Person zuvor noch zu trennen vermochten. Hier ist das nicht mehr der Fall, unmöglich. Unweigerlich steht der Bezug zum Autor, zum Menschen Sternmut und jedes Wort, so klar und deutlich geschrieben, jeder Satz in seinen feinen Nuancen (ja, bisweilen klingt Sternmut) lässt jeden Gedanken an Fiktion verschwinden. Teilweise beängstigend, wenn zum Beispiel das Thema Suizid zur Sprache kommt. Die Depressionen, die aus dem Inneren kommen. Äußerlich auf dieser Welt zu existieren, ist nicht schwer. Luft, Nahrung, Schlaf – was braucht es, um zu überleben? Das wirkliche Leben kommt von innen: unsere Wünsche, Hoffnungen, Liebe, angenommen sein, gewollt sein, geliebt werden und selbst lieben. In der Kindheit fehlten Sternmut all diese wichtigen Dinge, die in das Carepaket des Lebens gehören.

Wir wären verlogen, würden wir behaupten, dass das Geliebtwerden, die Aufmerksamkeitssuch(t)e, das Zusammengehören nicht unsere stärkste Triebfeder sei. Somit schreibt Sternmut nicht nur über sich selbst, über sein Inneres, sondern über das Innere unserer Gesellschaft. Nie als Moralapostel, nie mit erhobenem Zeigefinger, jedoch mit viel Gefühl für die Sprache (sein Arbeitsmittel!) schubst er den Leser vom Ist ins Soll. Er schreibt: ‚Wir brauchen ein neues Denksystem, eine neue Kopfgeburt. Darüber wollte ich ein Buch schreiben‘ und es ist ihm gelungen.

Es ist das Tagebuch einer Beziehung, wohl wahr, doch wenn Sie denken, es sei die Beziehung Sternmuts zu einer Frau, dann lesen Sie selbst. Es ist ein Tagebuch unserer aller Beziehung zueinander und die Frage, ob ein neues Denken, eine neue Ordnung nicht langsam angebracht wäre und Sigmund Freuds These ‚Jeder Mensch ist des anderen Wolf‘ nicht überdacht werden sollte.

Ein Wort durchzieht den Roman wie ein roter Faden: womöglich! ‚Womöglich‚ ist so ein schwebendes Wort und beschreibt Sternmuts Gefühl, nie genau zu wissen, ob die Wirklichkeit wirklich ist, ob das Gefühlte, das man Liebe nennt, wirklich Liebe ist. Nicht zu wissen, ob man richtig fühlt, ob man sich auf das Gefühl verlassen kann, auf seine Vernunft, auf seine Gedanken. Dieses Wort (womöglich) immer wieder einfließen zu lassen und metaphorisch damit den Ausdruck für die Unsicherheit seiner Gefühlswelt zu vermitteln, ist großartig.

Du wirst erkannt, wie du dich fühlst. Wie innen, so außen! Dass die Menschen nie das sehen, was du wünscht, dass sie in dir sehen sollen, sondern – dass sie sehen, was DU über DICH denkst und fühlst. Unweigerlich! Sternmuts Roman zu lesen, ist wie ein Wiedersehen mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Alles schon selber mal gedacht, über alles schon selber mal sinniert. Gerade auch in diesem Abschnitt werden sich viele wieder erkennen: dass man als das erkannt wird, was man selber fühlt (über sich). Fassaden hatten schon immer den Nachteil, mit der Zeit zu bröckeln. Alles ist ein Opfer der Zeit oder der eigenen Erkenntnis.

Nichts ist so, wie es scheint. Selbst das Gute und Brave entspringt nicht der Gutmenschnatur, sondern dem puren Egoismus. Und wenn wir ehrlich sind, verfolgt selbst die sich zum Helfen ausgestreckte Hand eine Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, der nach Anerkennung und dem gehobenen Ansehen. Selbst als Kind schon erwarten wir vom braven und artigen Verhalten eine Belohnung. Das ist menschlich egoistisch (und womöglich ein gesunder Egoismus), nicht gutmenschlich. Eine Anpassung unseres Verhaltens in Erwartung eines positiven Feedbacks.

Versuchen wir uns selbst zu verstehen (was schon schwer genug ist), bevor wir versuchen, andere zu verstehen (was gänzlich unmöglich ist).

Der Text über 229 Seiten liest sich wie das Leben selbst, mal sanft und leise, mal berauschend poetisch, mal rhythmisch wie der Herzschlag – in einem dann folgendem Wortstakkato aufgelöst wie die Leidenschaft. Ein sehr lesenswertes Buch und (für mich) das beste, das Sternmut bisher schrieb.

Gebundene Ausgabe: 229 Seiten
Verlag: Wiesenburg; Auflage: 1 (Februar 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3942063255
ISBN-13: 978-3942063258

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