Das Leben der Anderen…

 

… oder

What’s on your mind?

 

Der erste Satz in den AGBs diverser sozialer Netzwerke sollte lauten: “Nehmen Sie das bitte alles nicht so ernst!” (Mit diesem Beitrag solltet ihr übrigens gleichermaßen verfahren!)

Ich weiß nicht, ob ihr das kennt: Manchmal ist es bei mir so, dass ich mein Facebook checke und verwundert wahrnehme, wie toll, erfolgreich und aufregend das Leben der Anderen ist und wie fad sich das eigene Leben angeblich daneben ausnimmt. Nie ist es so einfach gewesen, in die privaten Stuben fremder Leute zu schauen und nie waren die User so freizügig bei der Zurschaustellung ihres Privatlebens. Manchmal denkt man, es handelt sich um einen Wettkampf der “Ich-habe-am-meisten-erlebt”-Poster und der “Du-musst-alles-im-Leben-mitnehmen”-User. Keine Atempause, beneidenswert vollgepackter Tag, der einen immer wieder ermahnt “He, du hast nur dieses eine Leben, wenn du nicht in jeder Minute aktiv, produktiv, erfolgreich und glücklich bist, schmeißt du dein Leben weg. BASTA!” Man bekommt direkt ein schlechtes Gewissen.

Da sitzt man selbst im verregneten Deutschland am Wohnzimmertisch vor seinem Laptop und schaut via Facebook oder Google+ zu, wie sich Herr XY wieder einmal in der prallen Sonne am Strand von Sri Lanka suhlt. Ach herrje, man selbst hat es dieses Jahr nicht mal bis zur Ostsee geschafft (Asche auf mein Haupt!!). Drei Monate vorher war XY auf USA-Rundreise, letztes Jahr hat er China bis in den letzten Winkel erkundet – eben ein Kosmopolit, der Herr XY. Man selbst freut sich, wenn man via Facebook als (natürlich) Kulturliebhaber in ein Museum für ostasiatische Kunst unweit seines Wohnortes einchecken kann und setzt es einfach mal als Jahreshighlight! Die fünf hart erkämpften Likes können zwar gegen die rund 1780 Likes der Chinarundreise nicht anstinken, aber he,…immer noch besser als am Wohnzimmertisch vor dem Laptop zu hocken und XY auf seiner Weltreise hinterherzuspionieren!

Das Nächste, was einem um die Ohren fliegt, sind Fotos vom (natürlich) selbstgekochtem Mittagsmahl, das (selbstverständlich) mehrgängig auf den Tischen der User landet und einem Dinner im Michelin Restaurant in keiner Weise nachsteht. Bei einigen könnte man vermuten, sie lassen nach dem Kochen erst mal einen Food-Designer einfliegen, um das Essen standesgemäß in Szene zu setzen, bevor sie ihre Mahlzeit dem geneigten User abgelichtet präsentieren. Man selbst stochert in seiner Linsensuppe und kommt sich direkt antiquiert vor. Gar nicht auszudenken, dass man sich trauen würde, ein Foto seines selbst aufgewärmten Dosensüppchens online zu stellen. Linsensuppe kann eben gegen Spargel an Vinaigrette im Dialog mit Mangold-Soufflee nicht anstinken. Das muss man sich eingestehen. Und ja, was sagt das über einen selbst aus, stärkehaltige Kohlenhydrate mit Glutamat in sich reinzuschaufeln? Man hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren und ein Bild von sich zu wahren. Also begnügt man sich damit, das Foto mit dem Spargel an Vinaigrette im Dialog mit Mangold-Soufflee-Menü ziemlich flapsig mit “Habe ich letztens auch mal nachgekocht. War nicht so mein Fall!” zu kommentieren. Fertig! Linsensuppe weitergelöffelt.

Natürlich sind die 3-Gänge-Menü-Vertilger zu allem Unglück auch noch topschlank und fit! Spätestens jetzt manifestiert sich die berühmte Facebook-Depression und man beginnt völlig zu verzweifeln. Man schaut in den Spiegel und vergleicht den kohlenhydratverweigernden Magerquarkverfechter mit dem kosmopolitischen Soufflee-Konsumenten und hat diese unglaubliche Ungerechtigkeit der Welt ganz klar vor Augen. Sogleich versucht man hinter das Geheimnis dieses Likes-fressenden Facebook-Ungeheuers zu kommen, dessen Gras stets grüner ist als das eigene.

Das ist jetzt natürlich alles ein wenig übertrieben und die Ironie ist sicherlich auch nicht zu überlesen. Aber neigen wir nicht alle zu Vergleichen und verurteilen uns recht schnell, wenn wir glauben, wir haben wiedermal wertvolle Lebenszeit mit unnützen Dingen vergeudet, irgendwie noch nichts erreicht im Leben, wobei XY schon wieder ein anderes Land bereist hat, das x-te Buch schrieb und währenddessen auch noch einen Marathonlauf absolvierte? Warum definieren wir uns eher über den Erfolg der anderen und messen unseren eigenen Wert anhand der Formel: „Je besser der andere, desto schlechter ich selbst.“?

Ich glaube, dass wir eine sehr verschwommene Sicht haben, wenn es um das Leben der anderen geht. Dass der Weltreisende XY vielleicht ein sehr einsamer Mensch ist und dieser Umstand ihn sehr unglücklich macht, das sehen wir nicht (nur ein Beispiel). Wir haben nur Augen für das Positive, das ihm passiert, weil er uns am Negativen eventuell gar nicht teilhaben lässt. Wir sehen Momentaufnahmen und meinen, daraus gleich auf ein komplettes Leben schließen zu können. Dass er auch Probleme haben könnte, kommt uns gar nicht in den Sinn. Er führt in unseren Augen ein beneidenswertes Leben (was wir aus ein paar Beiträgen einfach mal so herausgelesen haben wollen) und wir ziehen unweigerlich den Vergleich zu unserem eigenen Leben und sehen dort auch nur, was vielleicht im Augenblick weniger perfekt ist. Dass XY uns auch beneiden könnte, weil wir z.B einen perfekten Partner haben, der uns liebt, eine liebe Familie, oder super Freunde und tolle Kinder – all das, was wir nicht unbedingt mit Erfolg im eigentlichen Sinne gleichsetzen würden, darüber denken wir gar nicht nach. Und dass er uns eventuell auch beneidet, weil wir nicht ständig auf der Jagd nach neuen Anreizen sein müssen und Fünfe auch mal gerade sein lassen können (auch das kann nicht jeder), das fiele uns auch nicht ein.

Es gibt nie nur eine Sicht auf die Dinge, alles hat auch immer eine Kehrseite. Perfekt ist gar nichts auf der Welt und ich denke auch, dass die allerwenigsten Menschen ein wirklich perfektes Leben führen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob das überhaupt so erstrebenswert ist. Auf der Jagd nach Glück bleibt immer irgendetwas auf der Strecke und oft übersehen wir die kleinen Dinge, die wirklich glücklich machen. IM EIGENEN LEBEN!

 

9 Gedanken zu “Das Leben der Anderen…

  1. Hallo Daniela, eine wirklich fast perfekte Reflektion über unser virtuelles Dasein. Ich bin auch einer dieser Essensposter, und habe mir schon früh überlegt, wie oft ich solche Dinge posten möchte. Mehr als 2-3 Sachen gibt es nie in einer Woche, weil es sonst irgendwann langweilig für die Freunde wird, oder noch schlimmer, man sich selber Druck macht liefern zu müssen. Und als ob das nicht schon Klischee genug wäre, schreibe ich auch noch Bücher, oh Gott. Du hast aber den Nagel auf den Kopf getroffen, denn dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben, und so erfährt in der Regel niemand, dass ich mit dem Kochen angefangen habe, um mit den Rezepten Spenden für Kinder zu sammeln (nach über 8000 Essensbildern sieht alles wie mit Fotoshop und Fooddesign gemacht aus) , oder schreibe, weil es mir geholfen hat, Erlebnisse zu verarbeiten. Schnell wird man in den Götterstand des Internets erhoben, ob man sich dabei wohl fühlt oder nicht. Zugegeben, ich freue mich wirklich wenn sich jemand von meinen Bildern inspiriert fühlt, aber auch ich habe es nicht geschafft dieses Jahr weiter zu kommen, als bis zum nächsten Getreidefeld, klar, um Bilder zu machen. Wenn jemand an exotischen Orten weilt, denke ich in Kategorien wie, „ob die gutes Essen haben“, oder „tolle Location für Bilder“, aber ob derjenige ein Angeber oder nur ein stolzer Fotoherzeiger ist, dringt nicht in meine Gedankenwelt ein. Ich freue mich aber sehr über so schöne Artikel, weil die mir einen interessanten Geist eines Menschen zeigen, und zumindest DAS, konnte ich noch bei keinem Essensbild oder Urlaubsfoto herauslesen 😉

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  2. Um Gottes Willen, ich wollte mit meinem Beitrag keinem zu nahe treten. Mir ist nur an mir selbst aufgefallen, dass ich bisweilen staunend auf das Leben der Anderen schiele und auch mal Vergleiche ziehe zu meinem eigenen. Und irgendwann ist mir klar geworden, dass das totaler Nonsens ist. Ich habe nur versucht, mir Gedanken zu machen, warum man sich ab und zu so getriggert fühlt und meine eigene Sichtweise mal überdacht. Ob das jetzt „aus psychologischer Sicht“ korrekt ist, weiß ich natürlich nicht.

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  3. Liebe Daniela, herzlichen Dank für deinen Beitrag und deine Gedanken. Ich stimme dir gerne zu, von der Linsensuppe bis zur Ostsee (dabei war das Wetter gar nicht so gut dort). Im Vergleich kann man nur verlieren und sobald ich mich dabei erwische, drücke ich auf Off! Denn mein Leben ist und bleibt meine Einzigartigkeit, und dem anderen seine.
    Es hat mir Spass gemacht bei dir zu lesen. Liebe Grüsse Erika

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  4. Ich lese gern bei Leuten, die ein völlig anderes Leben führen, und meistens reicht es mir auch, darüber zu lesen. 😉 … aber ich habe auch schon einige Gerichte nachgekocht, die tatsächlich danach in meinem persönlichen Kochbuch gelandet sind und immer wieder gekocht werden.

    Trotzdem habe ich sehr geschmunzelt… überspitzt gesehen, hast Du nämlich auch recht. 🙂

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  5. Du sprichst mir aus der Seele. Ich mag Facebook und nutze es selbst gerne und viel. Die meisten meiner Kontakte dort kenne ich persönlich. Aber manchmal, wenn ich selbst gerade schlecht gelaunt oder unzufrieden bin, dann meide ich die Seite. Auch oder genau wegen der von dir beschriebenen Dinge. Dann will ich das alles nicht sehen.
    Außer Rezepte, die sind mir fast immer willkommen. 🙂

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  6. Habt Ihr gewusst, dass auch Glückshormone freigesetzt werden, wenn man schöne Sachen sieht? Deshalb schaue ich gerne schöne Bilder an und such mir natürlich heraus, was ich gerne sehen möchte. In der Community, in der wir uns befinden, sind außerdem die Beiträge meistens inspirierend, intelligent und nicht von dieser „langweiligen“,“sterilen“ Perfektion geprägt. Aber wenn ich von Erfolgen anderer z.B. auf Facebook lese, hey! dann freue ich mich wirklich! Und wenn einer Pech hatte, was ja auch vorkommt, tut mir das leid… Ich habe einen Freund, der dauernd Sterne-Essen postet, dass er gerade isst. Nun bin ich Vegetarier und kann mit so Hummer-Kaviar-Zeugs nix anfangen. Trotzdem freue ich mich, weil ihn das freut! Wenn das für ihn Glück bedeutet, ist das doch ok! Und wenn es seinen Genuß steigert, wenn er das vorher schön fotografiert, nur zu!

    Allen eine schöne, inspirierende, positive Woche, Nessy von den happinessygirls

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