Früher war alles besser …

fwab

Ja, den Satz kennen wir. Haben wir alle schon gehört – oder noch schlimmer – selber schon mal ausgesprochen. Ist leicht dahergesagt, der kurze Satz; und meistens reflektieren wir gar nicht so genau, denn: welches Früher meinen wir eigentlich?

Wenn ich Filme aus den 50er oder 60er Jahren schaue, denke ich oft: Wow, in der Zeit hätte ich auch gern gelebt. Ohne Handy, ohne Laptop, ohne Internet, abends im Petticoat Rock ’n‘ Roll tanzen und Softeis essen, Big Bopper, Little Richard oder Paul Anka hören. Frei sein. Jung sein. Eben diese komplette »Eis am Stiel«- Klitsche. Dabei lag ich zu der Zeit noch als Quark im Schaufenster.
Oder die 70er und 80er Jahre. Tolle Musik. Alles so friedlich. Man wuchs heran und zwischen Weihnachten und Weihnachten lagen gefühlte drei Jahre. Heute kostet die Zeit einen Wimpernschlag.
Wenn wir früher meinen, meinen wir die Zeit unserer Kindheit und Jugend; oder eine Zeit, in der wir nie gelebt haben und die wir nur vom Hören-Sagen oder aus dem Fernseher kennen. Das Früher war die Zeit, in der wir noch keine Verantwortung übernehmen mussten, in der wir frei waren und unsere größte Sorge die nächste Mathearbeit war.
Ich habe meinen Mann (ein bekennender »Früher-war-alles-besser-Vertreter«) kürzlich gefragt, was speziell früher denn besser war. Ich muss dazusagen, dass wir beide in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Das Erste, was ihm spontan einfiel, war der Zusammenhalt der Menschen, weniger Ellenbogenmentalität, weniger »Haste-was-dann-biste-was«. Nicht dieser Druck, etwas Außergewöhnliches leisten zu müssen, um anerkannt zu werden. Ein weniger auf Äußerlichkeiten und Statussymbolen bedachtes Dasein. Mehr gemeinsam, statt gegeneinander.
Ja, dachte ich, da ist was dran. Da ist tatsächlich einiges auf der Strecke geblieben. Aber letztendlich liegt es doch an uns selbst, wie viel Früher wir uns bewahren oder ob wir uns am Mainstream orientieren und mitreißen lassen. Und genau dort hat sich durch die Digitalisierung und Globalisierung so extrem viel geändert. Uns wird auf Instagram&Co vorgelebt, was wir essen sollten, welche Gegenden man am besten bereist, dass der Hintern von Kim Kardashian eben das Nonplusultra aller Hinterteile ist und man sich doch bitte die hüftige Speckrolle, (auch liebevoll Muffintop genannt) mit Photoshop wegretuschieren sollten, um in dieser Scheinwelt bestehen zu können. Wir sehen Frauen, die Stunden nach der Geburt ihres Kindes top gestylt in die Kamera lächeln, als wären sie mal eben gerade aus der Torte gesprungen und nicht aus dem Kreißsaal. Oder Models, die zwei Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes flach wie eine Flunder über den Catwalk staksen. Dehnungstreifen? Kennen nur Ottonormalverbraucher.
Aber trotz dieser vorgelebten affektierten Scheinwelt:  war früher wirklich alles besser? Möchte ich heute meine Bücher auf einer Schreibmaschine tippen und zum Recherchieren von Pontius bis Pilatus reisen? Stört es mich eigentlich sehr, dass ich, anstatt meinen weiter wegwohnenden Freunden, Bekannten und Verwandten einen Brief zu schreiben und wochenlang auf Antworten zu warten, sie einfach anrufen kann und wenn ich möchte, sie über Skype&Co sogar bildhaft vor mir habe? Oder stört mich einfach nur die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit dieser Zeit, diese ständige Verfügbar- und Erreichbarkeit. Muss ich damit leben, wenn ich es nicht will? Nein! Aber ich kann es nutzen, wann ich will.

Mal ehrlich: wir leben in einer fantastischen Zeit, ich wage sogar zu behaupten, wir leben in der besten Zeit seit Menschengedenken. Ich empfinde die Entwicklung der letzten Jahre als unglaublich spannend. Wir haben das Privileg, miterleben zu dürfen, wie sich die Welt digitalisiert und damit rasant verändert. Jeden Tag! Sicherlich nicht alles zum Positiven. Aber das macht das Früher nicht gleich zum Besseren. Alles hat seine Kehrseite, aber das war früher auch nicht anders. Ich muss nur schauen, was für mich persönlich von Wert ist, was ich für mich mitnehmen und was ich getrost außen vor lassen kann, was für mich erstrebenswert ist und inwieweit ich mir vordiktieren lasse, was ich zu essen oder wie ich auszusehen habe, was ich von mir preisgeben möchte und was nicht. Ob ich zu einer unrealistischen Scheinwelt gehören möchte oder authentisch bleiben will. Gandhi sagte: »Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen.« Und wenn wir genau hinschauen, erkennen wir den Zusammenhalt der Menschen auch heute, das Miteinander. Das fängt bei uns selber an. Eine gewisse Verantwortung sich selbst gegenüber und ein gesunder Menschenverstand sind wohl der Schlüssel zu einem Leben, der das Heute zu der Zeit macht, in der alles besser ist und nicht das Früher.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s