Spießbürgertum in Reinkultur

So ein Schrebergärtchen ist etwas Feines. Glauben Sie mir. Gerade wenn man aus der Großstadt kommt wie wir, ist so ein Gärtchen eine Wohltat. Man blickt ins Grüne, kann sich selber ein wenig Bioobst und -gemüse anpflanzen, körperliche Betätigung an der frischen Luft inklusive. Zumindest für meinen Mann. Ich dagegen ziehe die Terrasse vor, in deren Schatten ich an meinem Buch arbeite (oder Blogs schreibe). Abends wird der Grill angeschmissen, das Weinfläschchen geöffnete. Der Schrebergarten, das Eigenheim des kleinen Mannes.
 
Aber möchte man die Vorzüge eines Schrebergartens genießen, muss man sich wohl oder übel der Vereinsmeierei beugen, mit allen schrägen Auflagen, bei denen man manches Mal grübelt, wie viel Promille man intus haben muss, um sich so einen Mumpitz aus den Fingern zu saugen. Und wie alt muss man eigentlich werden, um diesen Kokolores zu verinnerlichen und danach zu leben, wie so ein alter, überzeugte SED Bonze? Ich zumindest tue mich wirklich schwer damit, und mich zu bekehren, würde sicherlich genauso aussichtslos sein, wie damals Margot Honecker zu verklickern, dass das mit der DDR irgendwie scheiße war.

blog1Ich kann ja in gewisser Weise verstehen, dass die Aufgabe zu Beginn der Kleingartenvereine und auch besonders später zu DDR Zeiten darin bestand, die Bevölkerung unterstützend mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Zu DDR Zeiten war es sogar Pflicht, und der Handel rechnete mit den Zugaben der vielen Vereine. Heute habe ich Mühe, zu Erntezeiten meinen Überschuss loszuwerden, weil meine Möhren nicht gerade und dazu noch sandig sind, die Radieschen viel zu scharf, und im Salat klettern halt komische Tierchen rum. Das gibt´s bei Lidl und Aldi eben nicht. Da gibt´s Bilderbuchgemüse in Standardausführungen und sonst nix. Andere Interessenten möchten schon gerne etwas haben, aber bitte nicht selber ernten kommen. Da hört der Spaß dann aber auf. So habe ich Jahr für Jahr viel zu viel Gemüse und Obst. 30% Anbaufläche sind Pflicht. Warum? Haben wir noch immer Misswirtschaft oder wird es nicht mal langsam Zeit, eingestaubte Gesetze nochmals zu überdenken und dementsprechend anzupassen?

Eingestaubt sind nicht nur die Gesetze der Kleingartenanlagen, sondern auch die Ansichten vieler Kleingärtner, die die Neuen ganz gerne vereinnahmen und ihnen mal gleich verklickern, wie der (alte) Hase hier läuft.
Ich erinnere mich noch gut, als wir vor drei Jahren den Garten hier übernommen hatten. Von der Vereinsvorständin wurden wir bei der Erstbesichtigung mal gleich infiltriert, wer hier zur Robin-Hood-Garde gehört und wer hier eher der Sheriff von Nottingham ist. Hatte etwas von der Sandkastenmentalität einer Dame kurz vor der Menopause. Ja, es wirkte albern, aber egal. Wir wollten ja nur den Garten. Nun ging es aber so weiter. Gartennachbar links gab Anweisungen: »Mit denen reden wir hier aber nicht«, nachdem er sah, dass mich im Vorbeigehen ein anderes Kleingärtnerehepaar ansprach und mir ein Pläuschchen an die Backe nagelte. Auch so eine Unart hier. Wenn ich reden will, suche ich mir eine Therapiegruppe. Ich will aber nicht reden, sondern meine Ruhe haben. Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass jeder Kleingärtner auch gleich supersozial, extrovertiert und gesellig ist. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich verschanze mich nicht umsonst hinter meiner spärlichen Hecke, die meine Terrasse mehr recht als schlecht vor den neugierigen Blicken und dem Ohrabkauen der anderen abschirmen soll.  Und das Who-is-who des Kleingartenwesens ist für mich so erlebnisreich wie achtundvierzig Stunden Einzelhaft.

gartenApropos Einzelhaft: sich unbeobachtet zu fühlen, ist hier auch so eine Eigentümlichkeit einiger Laubenpieper, dabei reihen sich die Parzellen hier wie auf einer Perlenschnur aneinander. Wenn ich hier auf meiner Terrasse vorm Laptop hocke, über meinem nächsten Kapitel brüte und mein Blick durch meine (spärliche) Hecke auf die Parzelle gegenüber fällt, kann es schon mal passieren, dass sich jegliche Inspiration wie in Salzsäure auflöst, wenn ich darüber sinniere, ob der Spargel schon schießt oder warum meine gut sechzigjährige Nachbarin scheinbar keinen Slip trägt.

 
Dooooch, es gibt hier auch schöne Dinge. Ehrlich! Das viele Grün, die singenden Vögelchen, die frische Luft. Und das man hier lernt, nicht so genau hinzuhören und nicht so genau hinzusehen. Ja, und den Tarnkappenmodus beherrsche ich hier sicherlich schon so gut wie keine andere. 

Fortsetzung folgt …

4 Gedanken zu “Spießbürgertum in Reinkultur

  1. Beneidenswert. Wir hatten kürzlich ein Wochenendgrundstück in Aussicht. Hatte sich aber schnell erledigt, aus lagetechnischen Gründen 😀

    Gefällt mir

  2. Grob, was man alles für ein Stückchen Grün auf sich nehmen muss… 😦 Mir wäre es früher ebenso ergangen, als ich noch in diversen Großstädten lebte – nun bin ich komplett aufs Land gezogen und genieße es, den Garten gleich am Haus zu haben (das auch noch erheblich günstiger ist, als eine 3-Zimmer-Wohnung in der Großstadt). LG und bitte nicht von den Spießern zu sehr schikanieren lassen! 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Ein Haus auf dem Land ist natürlich ein Traum. Leider nicht für jeden realisierbar. 😉 Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Würde so gerne wieder zurück. Aber mal schauen, was das Leben noch so alles bringt.
    LG

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s