Von Goal-Listen und Schweinehunden

Ich bin immer ziemlich zerknirscht, wenn mir (meistens zur Jahresmitte) meine “Goals-Liste” in die Hände fällt und ich schaue, was ich mir im Übereifer des ausklingenden Vorjahres alles so vorgenommen und (viel schlimmer) bisher nicht erreicht habe. Meine Liste müsste eigentlich nicht Goals sondern: »Was der innere Schweinehund eventuell zulässt« heißen. Das zieht einem beim Nichterreichen seiner Ziele nicht so runter, zudem steht der Schuldige gleich fest. Das erleichtert enorm das Gewissen.

Mal ehrlich: Warum tun wir das? Warum setzen wir uns Jahr für Jahr Ziele oder halten Nabelschau, was wir im nächsten Jahr verändern können, wohl wissend, dass uns am 1. Januar pünktlich um 00.01 Uhr die kollektive Alzheimer packt und die Liste mit den Zielen oder Veränderungswünschen im Nirwana verschwindet? Irgendwann fällt sie uns wieder ein. Ah, da war doch was! Ja schau, ich wollte dieses Jahr mindestens einen Blogbeitrag pro Monat schreiben. Ach, und jeden zweiten Tag wollte ich dreißig Minuten joggen gehen. Wird ja langsam Zeit, Sport in den Alltag zu integrieren, wenn ich fit bleiben will. Ich bin fit! Sehr fit sogar! Zum Beispiel in Couchdauersitzen. Überhaupt scheint mein Hinterteil mit Sitzgelegenheiten jeder Art gerne, oft und schnell intensive Beziehungen einzugehen. Ich kann da aber nichts für. Schuld ist Hermann, mein innerer Schweinehund. Das erste Kommando, das Hermann gelernt zu haben scheint, ist »Sitz!« Weitere Kommandos sind »Schieb auf!« und »Lass sein!« Beherrscht er in Perfektion, und im Gegensatz zu so einem lebenden Fellknäuel verlangt Hermann dafür weder Leckerli noch Streicheleinheiten. Da ist er wirklich anspruchslos.
Dass ich im Selbstoptimierungsmodus bin, interessiert Hermann herzlich wenig. Er liebt eingefahrene Gleise, die holpern halt nicht so wie die neuen. Da surrt man so gemächlich dahin, dass es eine Freude ist.

Da zuppel ich also letztens meine Goals 2018 Liste hervor und beginne zu rechnen. Jeden zweiten Tag joggen, das hieße bis dato, 80 x Laufschuhe schnüren. Dann rechnet ich nach, wie oft ich tatsächlich laufen war. Ne, Moment. Nochmal zählen. Ah! Doch! Tatsächlich! Nicht ein einziges Mal! Hermann grinst. Kann ja auch stolz auf sich sein. Als innerer Schweinhund hat er ganze Arbeit geleistet. Kann man nichts sagen. Dass sich mein Hinterteil langsam von Größe 40 auf Größe 42 zu vergrößern beginnt, sieht Hermann als Qualitätsmerkmal und klopft sich dabei selbstlobend auf die Schulter.

Da Hermann augenscheinlich immer genau das Gegenteil von dem tut, was ich möchte und meine Selbstoptimierung somit boykottiert, habe ich mir gedacht, ich bin jetzt einfach schlauer als dieses Mistvieh. Für nächstes Jahr formuliere ich meine Ziele anders. Soll heißen, ich schlage Hermann mit seinen eigene Waffen. Das könnte beispielsweise so aussehen:

1. In drei Gottes Namen, ich schwöre, dieses Jahr ums Verrecken kein einziges Mal meine Laufschuhe zu schnüren!
2. Jeden Tag ausgiebig zu jeder Gelegenheit auf der Couch abhängen
3. Die Yoga-Matte bleibt, wo sie ist: im Bettkasten
4. Nichts Neues lernen. Ist anstrengend und kostet womöglich wertvolle Zeit, in der du einfach nichts tun könntest.
5. Blog schreiben wird überwertet. Dieses Jahr ohne mich!
6. Gesund essen, war gestern. 2019 wird DAS Fast-Food-Jahr!
7. Ums Verrecken kein Buch anfassen. Geschweige lesen!
8. Vorsicht! 75 kg sind zu nahe am Untergewicht. 90 kg bis Jahresende anfressen.
9. Meditieren ist für´n Arsch. Bleib einfach drauf sitzen. Dazu ist er da.
10. 2 Liter Wasser täglich müssen nicht sein. Wasser ist ein wertvolles Gut. Verschwende es nicht.

Motto 2019: So wenig wie möglich. So viel wie nötig.

Ich denke, mit diesem Trick werde ich Hermann den Wind aus den Segeln nehmen. Und ZACK! … sehe ich dem Jahr 2020 komplett erneuert und selbst-optimiert bis in die Haarspitzen entgegen. Das müsste klappen!

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Jetzt verabschiede ich mich vorerst in meinen wohlverdienten Urlaub. Zumindest dem stellt sich Hermann nicht widerwillig entgegen. Und mal sehen … vielleicht kann ich das Mistvieh einfach an irgendeiner Raststätte aussetzen.  Aber wie ich Hermann kenne, findet der auch vom Arsch der Welt zurück nach Hause. So ist das nun mal mit Schweinehunden. Treu bis in den Tod. Das hat doch was Sympathisches, oder?

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