Die Anstandslosigkeit anonymer Maulhelden

artworks-000112946985-y5q2ho-t500x500Das Lesen auf Facebook (was ich schon auf ein absolutes Minimum reduziert habe, weil das Niveau bereits im tiefsten Erdreich angekommen ist), auf Twitter und vor allem Instagram macht mich immer wieder sprachlos. Die jüngsten Ereignisse um den Tod von Daniel Küblböck haben mal wieder bewiesen, mit welcher Empathielosigkeit und Hohlköpfigkeit man als halbwegs vernünftig denkender Mensch im Netz zu kämpfen hat, wenn sich Tastaturhelden in ihrer vermeintlichen Anonymität über Menschen auslassen, die sie nicht kannten und die ihnen durch ihre skurrile und vielleicht auch schräge Art fremd waren. Ich frage mich, wie sehr man sein eigenes Leben nicht im Griff hat, wie farblos und öde es sein muss, wenn man sich nicht anders auszudrücken weiß, als einen toten Menschen (wie auch immer er ums Leben kam) auf tiefstem Niveau zu beleidigen und damit auch in Kauf zu nehmen, dass seine nahen Freunde, Bekannten und Verwandten diesen Schmutz lesen müssen, der ungerührt und gefühllos über ihm ausgekippt wird. Ich bin fassungslos und ich frage mich, was solche Menschen dazu treibt und wie weit man sich von seinem eigenen Leben entfernt haben muss, um so empathielos zu agieren. Was mich zudem völlig schockiert hat, ist – dass wenn ich solchen grenzdebilen Maulhelden eine passende Antwort gegeben habe, Instagram meine Kommentare gelöscht hat, mit dem Hinweis, ich hätte gegen die Regeln verstoßen (was nicht stimmt) und mit der Androhung, beim wiederholten Verstoß meinen Account zu schließen. Der Ursprungskommentar, in diesem Fall “Gott sein Dank – eine Zecke weniger auf der Erde”, blieb über Tage hinweg unangerührt stehen.  Das gibt mir doch zu denken, und ich frage mich, nach welchen Kriterien Instagram die Löschungen vornimmt, oder ob es einfach nur darauf ankommt, wer dort gerade am PC sitzt und welche Meinung er gerade selber zu diesem Thema hat.

Fatal finde ich, dass im Fall Küblböck wieder einmal deutlich wurde, wie Mobbing einen Menschen zugrunde richten kann, dass seine Konsequenz (sein Tod) aber nicht zum Nachdenken anregt, sondern genau solche Sorte Mensch auf den Plan ruft und nichts dazugelernt wird.  Es ist generell einfacher, hinter der Tastatur zu sitzen und Hassreden zu schwingen, als einem Menschen Auge in Auge gegenüberzutreten, um es ihm persönlich zu sagen. Ein super Ausgleich für Menschen, die in ihrem eigenen Leben nichts erreicht haben, die träge vor sich hindümpeln und nur darauf warten, dass irgendein Ereignis sie auf ihren Dauerschlaf weckt, damit sie pöbeln können, um ihr eigenes  Leid zu vergessen.  Das Phänomen der Online-Hetze nimmt immer bizarrere Formen an, wie jüngst auch das Beispiel vom Drachenlord  zeigte. Wenn schwache Menschen irgendwo die Schwäche eines anderen Menschen ausmachen können, stürzen sie sich wie Hyänen auf ihre Beute und je mehr mitmachen, desto besser. Ein gemeinsamer Feind stärkt den Zusammenhalt, gelle? Da ist man plötzlich stark, und solange man auf der richtigen Seite steht, muss man keine Angst haben, selber zwischen die Fronten zu geraten. In der Masse kann man sich als kleiner, schwacher Mensch ja gut verstecken und ist gut geschützt, solange man die Meinung der anderen vertritt.  “Verbunden werden auch die Schwachen mächtig”, sagte mal Friedrich Schiller. Das Zitat ist nahezu zeitlos.

Ich war kein Fan von Daniel Küblböck, habe aber schon zu seiner DSDS-Zeit meinen Hut vor diesem quirligen, mutigen und sensiblen Jungen gezogen. Bei Küblböck hatte ich das Gefühl, dass es ihm egal war, was die Masse von seinem schrägen Dasein hält, dass er ist, wie er ist und so akzeptiert werden möchte. Und diese Akzeptanz fällt uns so schwer. Anders sein  setzt in unserer Gesellschaft ein wirklich dickes Fell voraus, dabei sollte es selbstverständlich sein, dass wir tolerieren, wie jemand leben möchte. Können wir aber nicht. Alles, was nicht in die Norm passt, wird angegriffen, weil es fremd ist und uns Angst macht. Aber DAS ist doch nicht das Problem derer, die sich nicht anpassen, sondern ihren eigenen Weg gehen wollen. Das ist UNSER Problem, das wir auf den anderen projizieren. Ob das nun ein Daniel Küblböck ist oder Hans Werner aus der Nachbarschaft. Tolerieren heißt nicht, dass wir etwas gut finden müssen, sondern dass wir es akzeptieren, obwohl es uns nicht anspricht. Das ist die Kunst!

Alle Grausamkeit entspringt der Schwäche.

Lucius Annaeus Seneca

An dieses Zitat sollten sich Menschen erinnern, bevor sie ihre Hasskommentare in die Tastatur hacken, egal wen sie damit treffen wollen. Man kann sich selbst nicht besser als schwachen und dummen Menschen outen, als “Fischfutter” oder “Eine Zecke weniger auf dieser Erde” unter das Bild eines Menschen zu setzen, der verzweifelt versucht hatte, seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden und daran gescheitert ist, weil für viele Toleranz und Akzeptanz schlicht Fremdwörter sind.

5 Gedanken zu “Die Anstandslosigkeit anonymer Maulhelden

  1. Bashing versteht die junge Netzwelt von heute als Entertainment. Das dabei Menschen verletzt werden können, nimmt man wohl billigend in kauf. Nur selber möchte niemand ein Opfer sein, denn dann steigt man gerne auf die Barrikaden der Entrüstung. Ob Kübelbock ein gutes Beispiel dafür ist, was mobbing auslösen kann weiß ich nicht, denn eine psychische Erkrankung ändert die Parameter eines Betroffenen so maßgeblich, dass schon viel weniger ausreicht, um den Halt im Leben zu verlieren (Beispiel, sein Theaterstück). Bei den Kommentaren im Netz vermute ich stark reduzierte Denkfähigkeit bei jedem Einzelnen, der den Tod eines Menschen als geeignet erachtet, um seine unwichtige Meinung kund zu tun.

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  2. Ein Grund, warum ich von Twitter und Facebook die Finger lasse. Mir reicht der Wahnsinn in den normalen Nachrichten.
    Da liebe ich mir doch die Bloggerei, da halten sich der Unsinn und der grenzdebile Schwachsinn in Grenzen – finde ich.
    „Leben und leben lassen“ ist die Devise meiner Wahl, solange mir niemand auf die Füsse tritt…
    Küblböck interessierte mich nicht, als er noch lebte und auch jetzt nicht. Noch wurde er nicht für tot erklärt. Jeden Tag sterben Tausende von Menschen unter tragischen Umständen, nach denen kein Hahn kräht. Ich scheiße auf dieses Dschungel Camp-, DSDS- und Bing Brother Niveau unserer Gesellschaft! Kommt mir so vor, als gäbe es einen Virus, der den Menschen ins Hirn kackt, und das weltweit.

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  3. @bonanzamargot

    Es ging nicht darum, was man von DSDS & Co hält, sondern dass das Haten im Netz zum Sport geworden ist, ohne dass die Leute über mögliche Konsequenzen nachdenken. Küblböck war nur ein aktuelles Beispiel (und vielleicht auch nicht unbedingt das beste). Und nur eines von vielen. 15 bis 20 % der Selbstmorde in Deutschland werden Mobbingsituationen zugeschrieben. 2015 waren es 10.080 Fälle. Das sind 1512 – 2016 Fälle, die dementsprechend auf Mobbing zurückzuführen sind. Finde ich persönlich schon unfassbar.

    @Arno von Rosen

    Nach der Veröffentlichung von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ gab es 1774 eine regelrechte Selbstmordwelle und zahlreiche Tode waren deutlich als Nachahmung der Romanvorlage erkennbar. Auch stieg 2009/2010 die Selbstmordrate rapide an, als Robert Enke sich das Leben nahm. Man nennt das wohl Werther-Effekt. Auf seinem letzten Insta-Profil nannte er sich Rosa und angeblich soll er dort vom Schiff gesprungen sein, wo die Titanic sank. Das erinnert einen doch stark an Rhoda Abbott, die auch Rosa genannt wurde und 1912 mit der Titanic unterging und es überlebte. Wer weiß, was in seinem Kopf vor sich ging.

    Die Kommentare sind und bleiben asozial und widerwärtig. Leicht hat Küblböck es nicht gehabt, er hatte immer polarisiert und mit Anfeindungen zu kämpfen. Mir erschließt sich einfach nicht, warum man nicht einfach wegschauen kann und immer draufkloppen muss, wenn jemand anders ist.Er ist da ja nur ein Beispiel von vielen.

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  4. Gerade die gesamte Causa „Drachenlord“ zeigt mir klarstens, wie degeneriert, verroht, pervertiert und verkommen ein nicht unerheblicher Teil unserer „Mitmenschen“ inzwischen ist, dem man am liebsten das „Menschsein“ absprechen möchte und sie „Orks“ nennen… Andererseits schimpfe ich nun gerade selber über Menschen – bin ich nun auch ein Troll? Am besten, man meidet die Gesellschaft von Menschen aktiv wie passiv, bzw. beschränkt sich auf ein paar wenige Kontakte mit integren Zeitgenossen, die selbst über Jahre geprüfter Maßen nicht durchs humanitäre Raster gefallen sind… Das Internet ist jedenfalls weitgehend eine Cloaca Maxima. LG!

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